“Jiddisch war die Sprache des Herzens, die

Sprache des Leidens, der Inbegriff tausendjähriger jüdischer Geschichte und Trauer”.

Leo Rosten

 

Zur Sprache, Geschichte und den Liedern

 

 

Die Grundlage der jiddischen Sprache war ein mittelhochdeutscher Dialekt, mit dem hebräische, aramäische und slawische Sprachelemente kombiniert wurden. Durch die Jahrhunderte hindurch entwickelten sich eigene Strukturen und ein besonderer Stil. In jeder neuen Umgebung nahm man Elemente der örtlichen Mundart auf, veränderte sie, damit sie in das jiddische Idiom passten. Man sprach jiddisch, schrieb und las hebräisch und verhandelte z.B. in polnisch oder ukrainisch. Das besondere an der jiddischen Sprache ist, dass sie an Atmosphäre und Farbe so reich und ausdrucksstark ist.

Nach der Machtergreifung 1933 durch die Faschisten in Deutschland und des Holocaust, in dem 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens ermordet wurden, gerieten die Lieder in Vergessenheit. Es war keiner mehr da, der sie singen konnte. Die Kleinstadt - das Shtetl - die kleinen Dörfer und Ghettos, in denen die Juden lebten, waren  die Hochburgen dieser Liedkultur, sie gibt es nicht mehr.

Die Lieder erzählen von Schmerz, Liebe, Sehnsucht, Trauer, Melancholie und von der Eigenart, dem Brauchtum und der Geschichte der Menschen, die Jiddisch sprachen. Eindrucksvoll auch die jiddischen Lieder, die beim Untergang des Krakauer und Warschauer Ghettos, in den Konzentrationslagern der Nazis oder bei den Widerstandskämpfern in Wilna entstanden sind.

Seit den sechziger Jahren hört man in Deutschland wieder jiddische Lieder. Gesammelt und vorgetragen z.B. von Peter Roland, Hai & Topsy Frankl, Elsbeth Janda und Max M. Sprecher, Zupfgeigenhansel und Espe. Die bündische Jugend sang sie und mit dem Folk-Revival kamen über die USA und England einige jiddische Lieder zu uns zurück.

 

Die Melodien haben ihren Ursprung in den Jahrhunderte  dauernden Wanderungen der Juden. So gab es eine babylonische, eine persische, eine italienische, eine spanische  (sephardische) und eine aschkenasische (d.h. deutsche) Tradition. Dieses alte Musikerbe hat  eine Rolle im Gottesdienst in der Synagoge gespielt. Wenn ukrainische, slawische, deutsche und baltische Elemente aus der Volksmusik ihrer Umgebung hinzutraten, so entstand gerade aus dieser Mischung und dem Arrangement der spezielle jüdische/jiddische Ton. Das jiddische Wort Klezmorim (Klezmer) stammt von den althebräischen Wörtern kley (Werkzeug) und zemer (musizieren, singen) und bezeichnet Wandermusiker, die bei den einwöchigen jüdischen Hochzeiten und anderen Festen spielten. Die jüdische Zeremonie war ohne Instrumentalmusik nicht denkbar. Man erfreute sich aber auch an der Musik der kapelyes (Orchester) in Herbergen, Tanzhäusern, Hinterhöfen, Kurorten und in jiddischen Theatern. Trotz der eindeutigen Verwandtschaft mit verschiedenen musikalischen Traditionen der Völker Osteuropas, insbesondere denen in der Moldau-Walachei und in Bessarabien, weist die Klezmer-Musik spezifisch jüdische Merkmale auf. Typische Instrumente der Klezmer-Musik sind u.a. Klarinette, Saxophon, Baß, Posaune, Geige, Schlagzeug, Tsimbal, Trompete, Akkordeon und Klavier. Seit Anfang der siebziger Jahre gibt es ein Klezmer-Revival in den USA, und in den letzten Jahren finden sich auch in Deutschland immer mehr Freunde dieser Musik.

Der Schreiner Mordechaj Gebirtig (1877 - 1942), der Partisan und Dichter Hirsh Glik (1920 - 1944), Mark Warschawsky (1848 1907) und Abraham Goldfaden (1840 - 1908) seien hier stellvertretend für die vielen Texter und Komponisten jiddischer Lieder genannt. Letztgenannter war z.B der Begründer des jiddischen Theaters in Rumänien, der durch Musicals die wenig informierten Juden über ihre Geschichte und das jüdische Leben unterrichtete, Von diesen Textern und Komponisten  stammen u.a. Sog nisht keijnmol, Arbetlose-Marsch, Shtil, die Nacht is oisgeshternt und Ojfn Pripetschik.

Viele Lieder sind in Zeiten großer Not, Verzweiflung Angst und Hoffnungslosigkeit entstanden. Nach der populären Melodie eines Straßenliedes hat Reuven Lifshitz (1918 - 1975) Der Hoyfzinger Fun Varshever Geto geschrieben. Von Kasriel Broydo (1907 - 1945) stammt  Geto, getextet  im Ghetto von Wilna, wo am 5. April 1943   4000 Juden - Männer, Frauen und Kinder - in Ponar, der Vorstadt von Wilna (Litauen), von der SS erschossen wurden. Shtiller, Shtiller das (Ponar-Wig-Lid) erinnert an ein unglaubliches, tragisches Ereignis, das nur ein Teil des ganzen Geschehens, der Ausrottung von sechs Millionen Juden war. Die Melodie schrieb ein elfjähriger Junge anlässlich eines Wettbewerbs im Ghetto 1943 zu dem Gedicht von Sholem Katscherginsky. Dieser gab 1948 in New York die bekannteste Sammlung jiddischer Lieder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges heraus: Songs of the Ghettos and Camps.

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